Stolpersteine in Göttingen

Stellungnahme der 1. Vorsitzenden Jüdische Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen e.V. zur Beschlussempfehlung des Kulturausschusses der Stadt Göttingen vom 22. August 2013 wegen der Verlegung von Stolpersteinen in Göttingen:

14. Sitzung des Ausschusses für Kultur und Wissenschaft am Donnerstag, 22. August 2013, 16.30 Uhr im Sitzungssaal 126 des Neuen Rathauses, Göttingen
Vor einem Jahr hat das Jüdische Lehrhaus Göttingen die Gesellschaft für christl.-jüdische Zusammenarbeit (Gesellschaft) und die Jüdische Gemeinde Göttingen (JGG) zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Stolpersteine eingeladen.
Dieses wurde abgelehnt mit der Begründung, „wir brauchen eine solche Diskussion in der Öffentlichkeit nicht, zumal die Argumente und Meinungen bekannt sind…“ (Zitat Lenore Schneider-Feller am 6. September 2012).
Das Jüdische Lehrhaus griff das Thema erst 2012 wieder auf, als eine Göttinger Familie, nachdem sie zu den Hinterbliebenen der jüdischen Frau Hedwig Steinberg recherchiert hatte, einen Stolperstein an der Schwelle des Eingangs zu ihrem Haus hatte verlegen lassen. Dieses Haus hatte der verstorbenen Frau Steinberg gehört. Hinterbliebene konnten nach unserer Kenntnis nicht ermittelt werden; so erfolgte die Verlegung ohne Zustimmung. Nach den Diskussionen von 2002 dachten wir, es gäbe Ruhe, aber das war ein Irrtum.
Laut Kulturamt der Stadt Göttingen wurde diese Verlegung „an ihnen vorbei“ gemacht (Aussage Dr. Dagmar Schlapeit-Beck im August 2012 sowie Hilmar Beck jetzt am 22. August 2013).
Nach der Ablehnung der Podiumsdiskussion im August 2012 haben sich Jacqueline Jürgenliemk (JGG), Lenore Schneider-Feller (Gesellschaft), und Eva Tichauer Moritz (Jüdische Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen/JKG) in den Räumen der Jüdischen Gemeinde getroffen.

Jeder hat seine Position dargestellt; aus der JKG sind folgende Vorschläge gekommen, um etwas Neues zu machen, was wir Göttinger für uns kreieren:
a) Anbringen einfacher Stelen vor den Häusern AUF AUGEN HÖHE! Wenn es unbedingt sein muss, mit den Objekten von Gunter Demnig (verlangen Sie nicht, dass ich von Kunst rede, nachdem er uns erklärt und mit Dias erläutert hat, dass es seine Kunst früher war, ein großes Gefäß voll weißer Farbe auf sein Fahrrad zu stellen, ein Loch zu machen und Städte mit einer Linie zu verbinden. Weil es in Weiß zu farblos war, hat er Schweineblut dazu gegeben (im Prinzip dürften Moslems in diesen Städten gar nicht leben).
b) Dr. Cordula Tollmien machte die Anregung, am Anfang und am Ende einer Straße eine Tafel mit den Namen, Berufen und genauen Adressen der damals in dieser Straße wohnenden oder arbeitenden Personen sowie Familien. So würden die Leute vor dieser Tafel stehen bleiben und nach den Adressen suchen.
Vorgelegt habe ich Fotos von Straßen in Berlin, in denen die Nachbarn aufwendige Stelen aufgestellt haben, mit der Geschichte der Familien und Fotos. Zu jeder Tageszeit stehen dort Menschen und lesen diese Tafeln.
c) Einen Schüler-Wettbewerb im Kunstunterricht an Göttinger Schulen zu organisieren, um anschließend ausgewählte kreative Ideen der SchülerInnen in der Stadt anzubringen.
Lenore Schneider-Feller hatte sogar den Auswahlausschuss „in mente“.
Wichtig war uns, eine neue, eine kreative Form der Erinnerung zu finden – für Göttingen.
Diese Alternativen waren unsere ersten Besprechungspunkte mit Dr. Schlapeit-Beck in deren Büro. Aber: Diese Alternativen schienen nach unserem damaligen Eindruck wichtiger als die Steine.
Nur wenn nachgewiesene Familienangehörige von Juden, die im KZ oder anders getötet worden waren, unbedingt Stolpersteine gelegt wissen wollten, sollte das – nach Überprüfung ihrer Identität und Familien-Beziehung durch das Stadtarchiv Göttingen – in der Verantwortung der Familienangehörigen erfolgen.
Ich persönlich wurde von einigen der Überlebenden, die wir im Rahmen unseres Projekts „Erinnerung an ehemalige Göttinger Juden“ interviewt hatten, schriftlich gebeten: „Machen Sie alles, was in ihrer Hand liegt, um diese Verlegung zu verhindern“. (Dr. Tollmien hat im Jahre 2002 eine Zusammenstellung der Äußerungen der Überlebenden gemacht und diese Dr. Schlapeit-Beck übergeben.)
In der Sitzung am 22. August 2013 wurden die Alternativen kurz angerissen, doch unsere Vorschläge waren plötzlich (und für mich überraschend) unwichtig: Es interessierte nur eine Zustimmung von allen Seiten für die Stolpersteine. Da habe ich mich geschlagen gegeben: Unsere Projekte interessieren nicht. Ganz nach dem Motto: Diese Stadt macht etwas nach, weil fast alle anderen das tun. Maria Gerl-Plein meinte, dass man später mal / vielleicht ein neues Projekt DAZU machen könnte… Ich glaube, dies müsste sie nochmals überdenken…
Wollen Sie wirklich ganz Göttingen mit dem Nationalsozialismus zukleistern?
Wir haben ein wunderbares Mahnmal… dieses hat nicht gereicht weil…?
Jetzt müssen diese sogenannten Steine kommen…?
Und noch dazu ein neues Projekt?
Als Jüdin der 2. Generation kann ich nur fragen, wann wollen Sie in Zukunft mit den Juden leben?
Warum kümmern Sie sich nicht um die Lebenden und lassen die Toten ruhen? Erinnern können Sie sich am 9. November.
Wir Überlebenden der 2. oder der 3. Generation, wir erinnern uns fast jeden Tag, zudem haben wir unseren Jom HaSchoa. Tag der Schoa, an dem wir alleine zum Mahnmal gehen.
Aber gut wäre es, wenn Sie sich um alle Juden Göttingens und des Landkreises kümmern würden und nicht nur um die, die Sie sich aussuchen, weil es so bequemer ist und das Gewissen wunderbar beruhigt („Wir haben alles getan…“)
Wir müssen – und wollen – ja auch mit Ihnen leben und akzeptieren Sie mit all Ihren Ecken und Kanten.
Schabbat Shalom
Eva Tichauer Moritz
Jüdische Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen e.V.
Jüdisches Lehrhaus Göttingen e.V.

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